„Wie baut man ein Herz wieder auf?“

Posted on Oct 10, 2015 in Backstories, Portraits, Slider | 0 comments

Mit dem Ehrengast Dr. Muhamad Al Diri, der vor etwa einem Jahr nach Österreich flüchten musste, setzt der Multikulti-Ball 2016 ein aktuelles Zeichen.

SLIDER Al Diri_Fotocredit_Thomas Raggam

Wie kann und soll ich dieses Interview schreiben? Nach dem zweistündigen Interview mit Muhamad Al Diri kreist diese Frage in meinem Kopf, begleitet von der ruhigen und beherrschten Stimme des Syrers. Wie portraitiere ich einen stolzen, intellektuellen Mann, dem während des Gesprächs die Stimme immer wieder mal wegbricht? Wie kann ich einen zusammenfassenden Artikel verfassen, wenn ich mein Aufnahmegerät immer wieder ausschalten musste, weil die Details zu brisant wurden? Wie kann ich dieses Interview schreiben, ohne dabei zu emotional zu werden, weil ich während des Interviews oft das Bedürfnis hatte, aufzustehen und ein paar Mal tief, tief durchzuatmen?

Ich hole tief Luft und tippe nun weiter.

Muhamad, Erstgeborener einer angesehenen syrischen Familie, spricht liebevoll von seinen Angehörigen, die nach wie vor in Syrien leben. „Wir sind insgesamt 6 Burschen“, und das 7. Kind ist ein Mädchen. „Meine kleine Schwester ist zarte 13 Jahre alt“, sagt der 32-jährige stolz. Zwei Brüder studieren seit einigen Jahren Medizin in Graz. Es war Muhamad wichtig, zu seinen Brüdern zu kommen, als er vor ein paar Monaten aus Syrien flüchten musste. Einen Bruder nahm er mit, der das eigene Medizinstudium unterbrach, um Muhamad bei seiner humanitären Arbeit während der Belagerung zur Seite zu stehen.

In einem Kinofilm würde der Regisseur nun ein paar Rückblenden machen, vielleicht werden die Szenen mit matten Farben verarbeitet, eine ruhige und pathetische Geigenmelodie spielt im Hintergrund. Wobei das, was Muhamad erzählt, kein Kinofilm ist, sondern echtes Leben. Sein Leben.

Am Anfang war ein Zahnarzt. Hatte ein schönes Haus. Eine Praxis. Zwei Autos. Schnitt. Flugzeug. Bomben. Haus wurde zerstört. Schnitt. Auto zerstört. Schnitt. Praxis zerstört. Schnitt. Viele Menschen gingen. Er blieb.

Warum bist du nicht weggegangen? „Ich bin Arzt. Es ist meine Arbeit, Menschen zu helfen“, sagt er schlicht. 1 Jahr verging. 2 Jahre vergingen. 3 Jahre vergingen. Zum Schluss waren nur mehr circa 10.000 bis 15.000 Einwohner in der Stadt Daraa, die einst 35.000 Menschen zählte. 3 Mediziner und eine Handvoll Krankenschwestern. Und eine Apotheke. Um an die Medikamente bzw. Lebensmittel zu gelangen, begann man auch mit den Soldaten, die die Ortschaft umzingelten, zu verhandeln. „To open the road“, nennt Muhamad das diplomatisch, und das etwa 30 Minuten am Tag. Schnitt. Verhaftung. Schnitt. Verhör. „Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich da war“, sagt er knapp, „20 Tage, 25 Tage? Ich weiß es nicht. Mein Verstand war nicht bei mir.

Glaubst du etwa an ein Ende des Krieges? „Ja und nein“, antwortet er nachdenklich, „ein Ende wäre aber erst der Beginn. Ein Beginn von einem Wiederaufbau, der mindestens 20 Jahre dauern wird“. Die größte Herausforderung liege seiner Meinung nach nicht etwa im Wiederaufbau der Infrastruktur, sondern “da drinnen”, zeigt er auf die Brust. “Es geht um die Kinder. Viele Kinder gehen seit Jahren nicht mehr in die Schule. Noch mehr Kinder sind noch nie in die Schule gegangen.“ Mit erstickter Stimme erzählt er von den Kindern einer verlorenen Generation. Straßenkinder, Waisen, Halbwaisen. Kinder, die Waffen als einziges Mittel der Konfliktlösung kennen.

Man kann Straßen wieder aufbauen. Die Brücken. Die Häuser. Aber wie baut man ein Herz wieder auf? Wie baut man einen Menschen wieder auf?

Welche Gefühle empfinde ich nach diesem Interview? Es sind ganz viele und ganz gemischte Gefühle. Und ich werde selber überrascht, dass das stärkste davon Dankbarkeit ist. Ja, ich bin dankbar, Muhamad Al Diri begegnet zu sein. Er gibt den Wörtern, die wir seit Jahren in den Schlagzeilen lesen, ein Gesicht. Er hat mir Denkanstöße gegeben. Diese Begegnung macht mir wieder mal bewusst, dass der Nahe Osten uns näher ist, als wir glauben. Dass wir sehr wohl auch einen kleinen Beitrag in unserem unmittelbaren Umfeld leisten können, wenn wir (ein wir, das die Bevölkerung und die Politik inkludiert) zumindest die Asylwerber als echte Menschen und nicht irgendwelche Zahlen in der Statistik betrachten.

Und dass wir unsere Stimme erheben müssen. Gegen die Großlettern, die auf den (Wahl-) Plakaten stehen, die diejenigen Menschen anprangern, die vieles im Leben verloren haben und nun mit allen Mitteln dabei sind, ihr Herz wieder aufzubauen.

Interview: The Schubidu Quartet / Chia-Tyan Yang
Fotos: The Schubidu Quartet / Thomas Raggam

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