Sihem Bensedrine: Friedensnobelpreisträgerin 2015

Posted on Oct 15, 2015 in Backstories, News, Portraits, Slider | 0 comments

Der Multikulti-Ball freut sich sehr über die Vergabe des diesjährigen Frie­densnobelpreises an das tunesische „Quartett für nationalen Dialog“. Besonders stolz dabei sind wir auf unseren ehemaligen Ehrengast Sihem Bensedrine – Die Journalistin und Menschenrechtlerin hat uns nämlich 2009 die Ehre erwiesen. Ende der 1970er Jahre war sie unter den Gründungsmitgliedern der zu dem preisgekrönten „Quartett“ gehörenden tunesischen Liga für Menschenrechte (LTDH). 2004 musste sie aus ihrer Heimat fliehen, das Schicksal hat gelenkt und Graz hat ihr Zuflucht gewährt, wo sie sich auch zeitlang aufgehalten hat. Als Sihem Bensedrine im Januar 2011 aus dem Exil in ihre Heimat zurückkehrte, nahm sie ihre Arbeit in der LTDH umgehend wieder auf.

Seit ihrer Heimkehr hat Sihem Bensedrine unermüdlich für den friedlichen Transitionsprozess Tunesiens hin zu einem rechtstaatlichen System gearbeitet. Ihrer Vermittlung war es zu we­sentlichen Teilen zu verdanken, dass 2014 der Weg für eine neue Regierung freigemacht wurde. Etwa zur gleichen Zeit erfuhr Si­hem Bensedrine aber auch die lang überfällige Anerkennung ihrer Arbeit in Tunesien selbst: Das Parla­ment ernannte sie zur Präsidentin der Wahrheitskommission, die den Opfern der Diktatur verspätete Gerechtigkeit verschaffen soll.

Die Verleihung des Friedensnobelpreises 2015 an die tunesische Liga für Menschenrechte, die tunesische Anwaltsvereinigung, den Gewerkschaftsbund und den Arbeitgeberverband ist ein ermutigendes Signal der Anerkennung und der Solidarität mit der tunesischen Zivilgesellschaft.

ehemaliger Rektor Alfred Gutschelhofer, Sihem Bensedrine und ehemalige AAI-Leiterin Astrid Polz-Watzenig

ehemaliger Rektor Alfred Gutschelhofer, Sihem Bensedrine und ehemalige AAI-Leiterin Astrid Polz-Watzenig

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Die Rede Sihem Bensedrine bei ihrem Besuch des Multikulti-Balls 2009, obwohl 6 Jahre alt, sind ihre Worte aktueller den je:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

schönen guten Abend,

Zunächst möchte ich Ihnen meine Freude und meinen Stolz ausdrücken, hier bei Ihnen am Multikulti-Ball sein zu dürfen, diesem Fest, das den Unterschied zelebriert.

Ich bin tunesische Staatsbürgerin, komme also aus einem Land, das manche von Ihnen wohl eher als touristische Destination kennen. Ich persönlich habe jedoch auch die andere Seite der Medaille – dieser Idylle – kennen gelernt, die solcherart in den Katalogen der Reiseveranstalter angepriesen wird.

Bereits seit 20 Jahren kämpfe ich gegen die Ungerechtigkeit in meinem Land und meine Energie, mich gegen alles zu erheben, was die menschliche Würde herabsetzt, ist noch immer im gleichen Maße vorhanden wie in der Anfangszeit meiner Aktivität. Denn man kann sich niemals an den Anblick von Entwürdigung jeglicher Art eines Menschen gewöhnen.

Dies ist der Weg, der mich hierher nach Graz geführt hat; eine Stadt, die ich noch vor wenigen Jahren auf der Landkarte nicht gefunden hätte, muss ich gestehen. Eine Stadt, die mir Zuflucht gewährt hat, wo ich meine Energie wiederaufladen konnte und wo ich mich vor einer Verfolgung schützen konnte, die sich niemals abgeschwächt hat, seitdem ich mich gegen all das auflehne, was bei Politikern das Schmutzigste überhaupt ist, und zwar der Drang nach absoluter Macht und illegitime Mittel, die zu deren Erhaltung eingesetzt werden.

Als Frau, Araberin, Muslimin, und obendrein Staatsbürgerin eines Landes, welches von einer mafiosen Diktatur regiert wird, bin ich ausgestattet mit allen Attributen von Minderheiten, die rund um Sie Mauern der Ausgrenzung errichten und Ihre Unterschiede betonen. Doch wie dies für alle Minderheiten gilt, schärft dies in Ihnen eine besondere Sensibilität für Ungerechtigkeit und eine Bereitschaft, bei den anderen dieses Gemeinsame zu entdecken, welches das menschliche Wesen ausmacht. Es sind diese kleinen Erfolge gegen die menschliche Dummheit, die Ihnen wieder den Glauben in die Menschheit geben, die zum Schlimmsten wie auch zum schönsten Heldenepos fähig ist. Hierin liegt auch die Begründung für meine Überzeugung, dass der Mensch seine Menschlichkeit bewahrt – trotz all seiner zerstörerischen Neigungen, die ihn nach unten ziehen.

Die Stadt Graz hat mich mit offenen Armen und mit offenem Herzen empfangen, ich habe mich an ihrer Intelligenz und ihrer Schönheit gelabt. Ich konnte hier die schönsten Freundschaften schließen und habe gelernt, die Reserviertheit des Nordens zu respektieren, was wir Mediterranen nicht immer verstehen. Ich habe hier auch die Ängste erlebt, die durch die globalen Umbrüche hervorgerufen werden, und die sich in politischen Programmen widerspiegeln, die aus Ausländern Sündenböcke machen, Überbringer von allem Schlechten, das man abwenden möchte.

Manchmal konnte ich noch darüber lachen, wenn über die Anzahl von Metern der Höhe eines Minaretts debattiert wurde – ich, die ja aus einem mehrheitlich muslimischen Land kommt, wo jede Stadt stolz mit ihren Kirchen, Kathedralen oder Synagogen protzt – neben all den Moscheen, die natürlich am zahlreichsten vorhanden sind. Manchmal habe ich darüber allerdings auch innerlich geweint, wenn die Intoleranz gegenüber der Religionsausübung der anderen die Farbe des Hasses annahm.

Es ist wahr, dass der globale Kontext nicht gerade die Annäherung zwischen den Völkern begünstigt. Zahlreiche Ereignisse deuten übereinstimmend darauf hin, dass die Welt im Begriff ist, bedeutsame Umbrüche und Unregelmäßigkeit zu erfahren: Umbrüche in der Finanzwelt, der Wirtschaft, der Geopolitik, sowie klimatische, intellektuelle und ethische Umbrüche. Diese Umbrüche, die als Vorzeichen ernster Rückschritte gesehen werden können, rufen Besorgnis und legitime Infragestellung hervor. Sie erinnern uns sehr wohl auch an die Zeiten von Dekadenz, die die glorreichsten Zivilisationen gekannt haben.

Allerorts vernimmt man Sirenen-Gesänge des Fanatismus, der Verzweiflung, der Ausgegrenztheit, der Gewalt. Die Angst regiert und diktiert dem Menschen eine unheilvolle Politik. Die Identifizierung von Ressourcen, die es ermöglichen, diese Umbrüche zu bewältigen, ist gewiss eine schwierige Aufgabe, doch ist sie möglich und sie ergibt sich aus der Dringlichkeit.

Es ist dieses Bündel des Möglichen und Machbaren, dem ich mich in meinem Kampf verschreiben möchte, der unser gemeinsamer Kampf ist. In solchen Kontexten kommt es vor, dass der Orient dem Okzident gegenübergestellt wird, die islamische Welt der jüdischen und christlichen Welt, und dass alle Parteien in ihrer Rolle als unverrückbare Widersacher verharren.

Die einen behaupten, der Islam sei unvereinbar mit der Demokratie, um einen strapazierten Begriff wieder aufzugreifen, und somit unfähig die universellen Werte, deren sich der Westen rühmt, anzunehmen; die Moslems seien Anhänger eines aufgeklärten Despotismus. Für die anderen ist der Westen Träger des Verlangens nach hegemonialer Dominanz (Irak, Palästina) und sie müssten dem mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln widerstehen, inklusive blinder Gewalt.

Man müsste erkennen, dass die wirklich hegemonialen Politiker sich häufig mit diesen universellen Werten schmücken, die mitunter bewusst und zweckentfremdet zum Nutzen hegemonialer Politiker missbraucht werden.

Wir stehen vor der Wahl und müssen uns entscheiden, wie es der libanesische Schriftsteller Amin Maalouf, so treffend formulierte: „Entweder gelingt es uns, in diesem Jahrhundert eine gemeinsame Zivilisation zu errichten, mit der sich jeder und jede identifizieren kann, zusammengeschweißt durch die gleichen universellen Werte, geleitet durch einen starken Glauben in das menschliche Abenteuer, und bereichert durch all unsere kulturellen Unterschiedlichkeiten; oder, wir werden gemeinsam in gemeinschaftlicher Barbarei versinken.“

Die jüngere Geschichte hat uns gezeigt, dass die Barbarei nicht das „Vorrecht“ unterentwickelter Volksstämme ist, es kann auch das soziale Gefüge von höchst-entwickelten Gesellschaften verderben. Dieselben Gesellschaften verfügen in sich über die nötigen Ressourcen für ein heilbringendes Aufbäumen, wodurch sie ihre Menschlichkeit wiedererlangen und diese universellen Werte wiederherstellen können, welche ihre Zivilisation begründen.

Ich persönlich habe stets an diesen Werten festgehalten und werde dies auch in Zukunft tun, die ich zu den meinen gemacht habe und im Zuge deren Umsetzung bin ich auf keine spezifischen Schwierigkeiten gestoßen, die man rein auf meine kulturellen Eigenschaften zurückführen könnte. Ich habe niemals jenes Gefühl verspürt, das man dem beimisst, ich habe Religion oder Ideologie anders gelebt; im Gegenteil, ich habe darin diese Grundprinzipien wiederentdeckt, die meine Eltern mir beigebracht haben; zu wissen, dass ein menschliches Leben unveräußerlich ist, dass die menschliche Würde nicht verhandelbar ist, und dass der Respekt vor ihr die Basis alles menschlichen Handelns sein müsste, sei es auf politischer oder anderer Ebene. Genau darin sind diese Werte universell und können sich in allen Farbschattierungen zeigen.

Habe also ich Graz ausgewählt oder hat Graz mich auserwählt? Ich könnte diese Frage nicht beantworten, doch ich weiß, wenn es Zufall war, dass ich hier in dieser Stadt der Menschenrechte gelandet bin, die sich diese universellen Werte auf ihre Fahnen geheftet hat, so war dieser Zufall gut für mich.

Ich möchte bei dieser Gelegenheit dieser Stadt, die sich mit den Menschenrechten identifiziert, eine lebhafte Huldigung aussprechen. Dank all dieser Hände, die mir gereicht wurden, dank all dieser offenen Ohren, die mir zugehört haben und dank all dieser Herzen, die mich aufgenommen und mich erwärmt haben:

Heute fühle ich mich als Bürgerin der Stadt Graz. Danke Ihnen allen und Danke Graz,

Sihem Bensedrine

 

Text-Redaktion: The Schubidu Quartet / Chia-Tyan Yang
Fotocredit: www.cp-pictures.at

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