Schon gewusst? Rot ist in der chinesischen Kultur die Farbe des Festes! Je knalliger, desto besser! (Als ich als kleines Kind zum ersten Mal die Austrian-Airlines-Stewardessen sah, dachte ich mir, die heiraten alle…)
Nach traditioneller Vorstellung steht die Farbe Rot für frohe Ereignisse, Reichtum sowie Macht. Am chinesischen Silvester* zieht man sich neue rote Kleidung an (Tipp: Darunter rote Unterwäsche – soll viel Glück bringen!), Kinder bekommen zum chinesischen Neujahr Geldgeschenke in roten Kuverts („jemandem ein rotes Kuvert geben“ ist daher in der Umgangssprache die blumige Umschreibung für „jemanden bestechen“). Fassaden, Säulen etc. der Paläste und Tempel in China sind meistens rot gestrichen, was den Chinareisenden sicherlich bereits aufgefallen ist. Aber man braucht nicht so weit zu fahren, um das typische chinesische Rot zu erleben: Hierzulande werden v.a. die China-Restaurants der ersten Generation, die im Laufe der 50er und 60er Jahre in Österreich eröffnet wurden, gerne mit (von vielen jungen Chinesischsprachigen als altmodisch empfundenen) roten Papierlaternen ausgestattet. Vielen Liebhabern der Arthouse-Filme ist der Film „Rote Laterne“ (1991) des international gefeierten chinesischen Regisseurs Zhang Yimos sicher auch ein Begriff.
Also, nun weiter geht’s zum chinesischen Rot. Früher heiratete man im chinesischsprachigen Raum in Rot, was heutzutage fast keiner mehr macht. Durch die Verwestlichung wird üblicherweise in Weiß geheiratet, es gibt auch sog. Heiratskirchen, wo die Brautpaare, die weder Christen noch Kirchengeher sind, à la Hollywood-Spielfilm „Ja ich will“ sagen dürfen. Dann und wann kommt es vor, dass das eine oder andere Brautpaar sich vom Brautmodeladen traditionelle Hochzeitskleidung für ein nostalgisches Fotoshooting ausleiht.
Hier seht ihr zwei rote Kleider im typischen chinesischen Rot. Diese stammen aus meiner Heimatstadt Pingtung* * (auch: Pingdung). Die gleichnamige, südlichste Provinz Taiwans ist bekannt für ihre wunderschönen Sandstrände, die weitgehend unberührt und vom Massentourismus noch nicht erschlossen sind. Für taiwanesische Verhältnisse ist es ein dünn besiedeltes Gebiet (kleiner Vergleich: Pingtung County: 2,775.6003 km² und 320.92 Einwohner/km². Die Steiermark: 16,401.04 km² und 74 Einwohner/km²). Das kurze Kleid ist aus der Modeboutique meiner Mutter, die neben Mode aus Osaka (die zweitgrößte Stadt Japans ist für Asien das, was Paris und Mailand für Europa sind – nur hippiger und viel weniger snobistisch) auch gern mit jungen taiwanesischen Designern arbeitet. Das Kleid hatte ich erst einmal an, nämlich am vergangenen Neujahrsfest, das ich in Graz mit meinen Musikkollegen gefeiert habe. Das lange, rote Ballkleid ist streng genommen ein sog. Hochzeitsbankettkleid, das aus dem Brautmodehaus „Luwei“ in Pingtung stammt, das einer sehr engen Freundin meiner Familie gehört.
Der alte Brauch, dass sich eine taiwanesische Braut bei einer Hochzeit 2x umzieht, wird mithilfe der intensiven Intervention der Modeindustrie noch immer aufrechterhalten: Das offizielle Hochzeitskleid, ein Kleid für das Hochzeitsbankett und ein Kleid für die Verabschiedung der Gäste. Die Idee dahinter ist, dass eine Frau bei der Hochzeit die Wandlung ihres Familienstatus auch optisch zum Ausdruck bringen soll. Wer es auf die Spitze treiben möchte, lässt sich auch die Frisur während der Hochzeit 2x ändern.
Zuallerletzt möchte ich eine kleine Anekdote erzählen: Mein Bruder hat vor ein paar Jahren in Pingtung geheiratet und ich wurde nach Hause eingeflogen. Davor haben meine österreichischen Schwiegereltern in spe noch ganz aufmerksam und brauchtumsgemäß ein Geldgeschenk im schönen (wein-)roten Kuvert vorbereitet (so ein knalliges Rot gibt es hier gar nicht. Aber mittlerweile finde ich Weinrot auch schon ganz schön). Meine Schwägerin, eine toughe Computermusik-Komponistin und Toningenieurin, war auf der Hochzeit wie eine Hollywood-Eisprinzessin in Weiß. Doch als sie – nach dem alten Brauch – demonstrativ über die Türschwelle meines Elterhauses stieg und ihr bodenlanges Hochzeitskleid raffen musste, stellte ich erstaunt fest, dass sie knallrote chinesische Schuhe anhatte. Das war für mich ein unvergesslicher Augenblick der kulturellen Verschmelzung.
Text: Chia-Tyan Yang
Fotos: Thomas Raggam, Magdalena Kahr









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